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Hier gibts Appetithäppchen

Lesen Sie die ersten Absätze der bisher erschienenen Bücher:

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Die dritte Leich

Mein Vater hatte mich mit dem Motorrad zur Bahn nach Wolfratshausen gebracht. Von dort ging es mit dem Abendzug nach Heiligenbeuern ins Internat, das von allen Schülern ›Beusl‹ genannt wurde.

Kurz vor sieben Uhr kam der Zug an. Einige Dutzend Schüler, von denen ich ein paar bereits durch die ersten vier Wochen im Beusl kannte, stürmten auf den Bahnsteig. Mit Koffern und Reisetaschen beladen gingen wir zum nahe gelegenen Kloster. Dorthin begleitete uns der Präfekt der ersten Klasse, der vor allem auf die Disziplin seiner Wurzler achtete.

Nachdem wir die Pforte passiert hatten, ging es links die Treppe hinauf zu den Studierräumen. Der Studiersaal meiner achten Klasse lag im ersten Stock und gleich daneben war unser Schlafsaal.  Ich grüßte hierhin und dorthin, spürte aber, wie fremd ich immer noch war. Wie am ersten Tag, als mein Vater mich hier abgeliefert hatte, stach mir der Geruch der frisch gewachsten Treppen und Gänge in die Nase.

Pater Zeno, unser Präfekt, gab mir an der Tür zum Studiersaal die Hand und fragte: »Na – gut erholt?«

Er wartete meine Antwort nicht ab, sondern eilte gleich zu einem Klassenkameraden, der seine frischen Unterhosen lässig in den Spind hineingeworfen hatte.

»Das räumst du sofort auf«, bellte ihn der kleine, breit gebaute Mönch an.

Der Junge zog den Kopf ein und brachte Ordnung in sein Durcheinander. Er hatte Glück, wenn er ohne ›Parademarsch‹, das heißt ohne Strafaufgabe, bei der man endlose Reihen lateinischer Stammformen zu schreiben hatte, davonkam.

»Servus Kaspar, alte Kuhhaut.« Jemand hatte mir von hinten mit der Hand auf die linke Schulter geschlagen. Ich drehte mich um und da stand der rothaarige Max Stockmeier, mein Freund aus den ersten Wochen. Er und Erwin waren wie ich zu Jahresbeginn neu in die Klasse gekommen.

Nun zog Max einen großen, schweren Mann mit einem rotblonden Schnurrbart und freundlichen, hellen Augen zu mir heran. »Da, Papa, das ist der Kaspar, von dem ich dir schon erzählt hab.«

Herr Stockmeier streckte mir seine mächtige Rechte entgegen und ich grüßte ihn schüchtern. Das war also der Bräu von Wolfratshausen, dem man nachsagte, dass keiner in der Umgebung mehr Kraft hätte als er.

Max und ich verstauten die mitgebrachte Wäsche in unseren Spinden, dann begleiteten wir seinen Vater zum Parkplatz vor der Pforte, um uns dort von ihm zu verabschieden. Zurück im Studiersaal setzten wir uns an mein Pult und erzählten, was wir am Heimfahrtswochenende erlebt hatten.

Alle Zöglinge in Heiligenbeuern hätten bis spätestens sieben Uhr da sein sollen, doch einige kamen etwas später. Als Letzter traf mein Pultnachbar Erwin Kathan mit seinem Vater ein. Ich schaute gerade zur Eingangstür, als die beiden den Studiersaal betraten. Erwin war ein dunkelhaariger, schmaler und für seine vierzehn Jahre zu kleiner Junge. Er grüßte still. Sein Vater dagegen, ein schlanker, großer Mann mit streng zurückgekämmten, schwarzen Haaren, schien uns gar nicht zu bemerken. Er hatte Schweißperlen auf der kahlen Stirn.

»Papa, was ist denn? Ist dir nicht gut«, fragte Erwin besorgt.

Herr Kathan starrte vor sich hin, er schluckte. Seine Hände fingen jetzt an zu zittern und er schwitzte immer noch mehr. Dann hielt er sich an unserem Pult fest. Vielleicht wollte er nicht, dass wir seine Hände zittern sahen. Oder er hatte Angst hinzufallen, wenn er nicht irgendwo
Halt fand.

Plötzlich sah er auf und fragte mit rauer Stimme: »Wo ist euer Präfekt? Ich muss mit Pater Zeno reden. Sofort.«

Die Frage erschien unsinnig, denn Pater Zeno unterhielt sich keine fünf Meter entfernt mit den Eltern eines Mitschülers. Mechanisch, wie von einer Schnur gezogen, ging Herr Kathan zu dem Mönch.

Die beiden sprachen kurz miteinander, um anschließend im Präfektenzimmer zu verschwinden. Wir warteten vergeblich, dass sie in den Studierraum zurückkehrten.

Erst um Viertel nach acht, zu der Zeit also, da wir ins Bett gehen mussten, kam Pater Zeno wieder. Er ging sofort zu Erwin, der still auf seinem Platz saß.
»Erwin, dein Vater wollt unbedingt noch mit dem Abt reden. Ich hab ihm zwar gesagt, dass das nicht möglich ist, weil die Ordensregeln einen so späten Besuch nicht vorsehen, aber er hat drauf bestanden.« Besorgt schüttelte der Pater den Kopf. »Sag mal, ist bei euch zu Hause etwas passiert. Dein Vater war ganz durcheinander. – Wenn was wär, kannst du jederzeit zu mir kommen.«

»Nein«, sagte Erwin, »es war nichts. Es war wirklich ein schönes Wochenende und Papa war besonders nett. Normalerweise ist er nämlich nicht so. Und jetzt auf einmal …«

Erwin fing an zu weinen und Pater Zeno legte ihm den Arm um die Schulter. Eine solche Geste hatte ich nie zuvor bei ihm gesehen.

»Ich weiß zwar nicht, was mit deinem Vater los ist, aber so schlimm wird es schon nicht sein. – So, Kinder«, damit erhob der Mönch seine Stimme, und sie hatte wieder den Klang, der keinen Widerspruch zuließ, »jetzt wird es Zeit, dass wir ins Bett gehen.«

Wenige Minuten später marschierten wir in den Schlafsaal.

Nachdem das Licht gelöscht war, hörte man Erwin noch eine Zeit lang leise weinen. Dann war Ruhe.

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Schlachttage

»Ja – die Schlickin hat jetzt auch sterben müssen. Fünfundsechzig Jahr’ ist sie bloß g’worden. In der Kirche hat man sie die letzte Zeit oft g’sehen. Grad als wenn sie g’wusst hätt, dass es bald dahingeht mit ihr.«

Die Bäckin meinte betroffen schauen zu müssen, aber Fräulein Amalie, die Pfarrersköchin, fuhr ohne eine Gedenksekunde fort: »Und so saudumm muss das zugegangen sein. Ist ihr doch glatt bei dem starken Wind letzte Woch eine Dachplatte auf den Kopf g’fallen, und sie war sofort maustot.« Sie packte umständlich die gekauften Brezen und Semmeln in ihren bauchigen Einkaufskorb.

»Und es ist sicher ein Unfall g’wesen?«, fragte die spindeldürre Bäckin und nahm den Fünfmarkschein der Pfarrersköchin entgegen. »Bei uns war nämlich ein Polizist und hat g’fragt, ob wir ihm nähere Auskünft’ über den Tod der alten Bäuerin geben könnten.«

»Der Herr Pfarrer sagt, dass sich die Polizei um ihre Angelegenheiten kümmern und anständige Leut in Ruh lassen soll.« Die korpulente Amalie zählte das Wechselgeld nach und ließ es dann in ihrem zierlichen Geldbeutel verschwinden. »Er möcht ja nicht behaupten, dass alle seine Schäflein Engel sind, aber bei uns ist ein Unfall ein Unfall, sagt er. In Deining wird anständig g’storben, um’bracht wird da keiner.«

Mit diesen Worten und einem knappen Gruß verließ sie den Laden.

Max und ich kauften je eine Eiswaffel und zwei Pfund Knödelbrot, das wir meiner Mutter mitbringen sollten. Dann setzten wir uns auf die Treppe vor der Bäckerei und aßen das Eis langsam und bedächtig. Anschließend nahmen wir unsere Räder und schoben sie den schmalen Kiesweg zum Pfarrhof hinauf. Ich wollte den Pfarrer Schoirer bitten, ob er nicht Max und mir während der Pfingstferien Nachhilfestunden in Griechisch und Latein geben könnte.

»Komisch ist das schon mit dieser toten Bäuerin«, bemerkte Max, kurz bevor wir das Pfarrhaus erreicht hatten.

»Was soll da komisch sein?«, gab ich mürrisch zurück. »Vor ein paar Tagen ist der alten Schlickin eine Dachplatte auf den Kopf g’fallen und sie ist an den Verletzungen g’storben. Fertig«

Aber Max gab sich damit nicht zufrieden. Ich kannte ihn nun schon mehr als drei Jahre. Hinter jedem Schlaganfall vermutete er eine Vergiftung und hinter jedem Verkehrsunfall ein angeschnittenes Bremsseil. Bis vor einem halben Jahr hatte er jede Woche mindestens einen Krimi gelesen und mir anschließend die Fehler in den Ermittlungen geschildert. An keinem Kommissar in den Kriminalromanen ließ er ein gutes Haar. Lediglich Hercule Poirot hielt er für einen akzeptablen Kriminalisten, der die Details bei den Verbrechen angemessen beachtete. Seit einigen Monaten hatte sein Interesse an Verbrechen aber zunehmend nachgelassen. Er hatte eine Freundin, Isabell, ein blondes Juristentöchterchen aus Solln. Hübsch war sie – keine Frage –, aber zickig wie ein Zwergpinscher.

Sie konnte mich vom ersten Augenblick an nicht leiden. Ich sie auch nicht.

Am eisernen Gartentor des Pfarrhofs angekommen, läutete ich, und bald erschien Fräulein Amalie.

»Was wollt ihr? Der Pfarrer hat keine Zeit.« Sie war eine sehr resolute Person und zeigte mit keiner Geste, dass wir uns erst vor zehn Minuten gesehen hatten.

»Grüß Gott, Fräulein Amalie«, begann ich mutig, denn sie schien im Augenblick geradezu sanftmütig. »Das ist mein Freund, der Max. Der will nämlich Geistlicher werden und möcht’ aus dem Grund beim Hochwürden vorsprechen.«

Augenblicklich zog es ihre fleischigen Lippen auseinander, die sie gerade noch streng zusammengepresst hatte. Und weil sie ihre hellblauen Augen beseelt gen Himmel richtete, bemerkte sie nicht, wie Max mir den Ellbogen in die Rippen stieß. Die kleine Notlüge war aber notwendig gewesen, sonst wären wir an diesem weiblichen Zerberus niemals vorbeigekommen.

»Ja, das ist natürlich etwas anderes«, lispelte sie. »Kommt nur rein, ich setz auch gleich einen Kaffee auf.«

»Ich mag keinen Kaffee«, stieß Max hervor und schaute ärgerlich in den Boden.

Fräulein Amalie stellte sich taubstumm und lächelte weiter. Sie führte uns hinter das mit Efeu bewachsene Pfarrhaus, wo der gut sechzigjährige, korpulente Priester in seiner schwarzen Soutane auf der Veranda saß und eine Zigarre paffte. Den Kragen des strengen Priestergewandes hatte er geöffnet, die Ärmel aufgestrickt und die mächtigen Füße auf einen Hocker gelegt.

»Gelobt sei Jesus Christus«, grüßte ich den Geistlichen.

»In Ewigkeit, amen«, entgegnete er mürrisch und sah missmutig zu uns her. Max sagte kein Wort.

»Herrschaftzeiten, Amalie, ich hab doch g’sagt, dass ich heut nimmer g’stört werden möcht«, schimpfte der Pfarrer in Richtung Haushälterin.

Doch Amalie hatte beschlossen, uns zu mögen. Ihr nicht enden wollendes Lächeln schien den Pfarrer jedoch noch mehr zu reizen. »Du weißt genau, was heut noch alles ansteht. In zwei Stunden muss ich die Maiandacht halten und danach zum Schafkopfen. Und die Grabred für die tote Schlickin schreibt sich auch nicht von allein.«

Die Sache mit den Nachhilfestunden stand ungünstig, und ich beeilte mich, meine Anliegen vorzutragen: »Ich wollt fragen, ob Sie mir und dem Max«, dabei deutete ich auf meinen Freund, »in den Ferien ein wenig Nachhilfe geben könnten.«

Ich musste aufpassen, dass der geistliche Herr jetzt nicht anfing zu schimpfen. Wenn er sich einmal gegen die Nachhilfe ausgesprochen hatte, konnten wir die Sache vergessen. Jeder im Dorf kannte seine Sturheit.

Schoirer ließ seinen massigen Körper in den alten Korbsessel zurücksinken und nörgelte: »Die Herren Studiosi brauchen also kurz vor Ende des Schuljahres noch eine gute Note, und der alte Dorfpfarrer hat kaum was zu tun. Der hat leicht Zeit, dass er mit ihnen die unregelmäßigen Vokabeln wiederholt.«

Nickend zog er an seiner schwarzen Zigarre, hielt sie dann vor sein breites Gesicht mit den ausgeprägten Hängebacken und sah sie versonnen an.

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Mörderlatein

Max mochte es, wenn jemand auf unnatürliche Art und Weise ums Leben kam. Er mochte es genauso wie Mathe, hübsche Mädchen und sein Motorrad. Doch eigentlich war er eine Wundertüte, und man wusste nie, was in seinem Kopf wirklich vorging.

Donnerstag

Es war schon nach Mitternacht, als wir vom Pink-Floyd-Konzert nach Hause fuhren. Es nieselte, doch Max holte das Äußerste aus seiner Maschine heraus wie immer. Ich summte die Melodie der letzten Zugabe so leise, dass Max mich nicht hören konnte. Das wäre mir peinlich gewesen.

Einige hundert Meter hinter Geretsried bemerkte mein Freund das dunkelblaue Auto im Straßengraben. Sofort bremste er die Kawasaki herunter, wendete auf der Fahrbahn und fuhr auf den Unfallwagen zu. Im Scheinwerferlicht konnten wir erkennen, dass der Jaguar E-Type von der Straße abgekommen war und einige Sträucher umgefahren hatte. Der linke Außenspiegel war abgerissen, der Kühlergrill hatte eine Delle und der Lack einige tiefe Kratzer.

Max stellte sein Motorrad so, dass es den Unfallort beleuchtete. Dann stieg er ab.

»Scharfer Schlitten«, meinte er und schob einen Kaugummi in den Mund.

Ich war bereits auf dem Weg zum Auto, meinen Helm in der Hand. Als ich zum Beifahrerfenster hineinschaute, sah ich einen dicken, blonden Mann bewegungslos im Wagen. Er war nach rechts umgekippt, so dass Oberkörper und Gesicht auf dem Beifahrersitz ruhten.

»Da ist einer drin«, flüsterte ich.

Sofort war Max bei mir. Er überlegte nicht lange und riss die Fahrertür auf. Seinen Helm hatte er auf die Motorhaube gelegt. Er lehnte sich weit ins Wageninnere und versuchte den Mann aufzuwecken. Erst sprach er ihn an, dann stieß er ihn mehrmals. Als er sich nicht rührte, schüttelte Max ihn mit beiden Händen.

»Vielleicht ist er besoffen.« Ich war heilfroh, dass mein Freund die Initiative ergriffen hatte.

Max legte nun die linke Hand an den Hals des Verunglückten und schwieg. Er musste sich konzentrieren, um den Puls zu fühlen. Schließlich packte er den schweren Mann am Kragen seines hellen Sakkos und zog ihn in eine aufrechte Position. Dann untersuchte er ihn erneut.

»Der ist tot«, sagte er nach einer Weile und schaute zu mir hoch. »Maustot! Aber noch nicht lang. Er ist noch ganz warm.«

Ich wandte mich ab. Mir wurde speiübel bei dem Gedanken, mich in der Nähe einer Leiche zu befinden.

Max erhob sich, streckte seinen beinahe zwei Meter langen Körper und brummte: »Was machen wir jetzt? Wir können ihn nicht gut liegen lassen. Und die Polizei können wir auch nicht holen.« Er atmete schwer wie nach einer großen Anstrengung.

Ich hob die Achseln. Woher sollte ich das wissen?

Da sahen wir ein Auto von Geretsried her mit hoher Geschwindigkeit näher kommen.

»Wir müssen abhauen, schnell«, zischte Max.

Ohne Zögern rannten wir zur Kawasaki, und Max startete den Motor. Ich setzte den Helm auf und umfasste mit der Rechten den Oberkörper meines Freundes. Mit der Linken deckte ich das Nummernschild ab, damit es nicht identifiziert werden konnte. Dann preschten wir los.

Ich drehte den Kopf und sah, wie das ankommende Auto bei dem Jaguar abbremste und die Scheinwerfer löschte. Max beschleunigte und raste um die lang gezogene Kurve Richtung Königsdorf, so dass ich nicht weiter verfolgen konnte, was an der Unfallstelle geschah. Als ich den Kopf wieder in Fahrtrichtung wandte, hatte ich die langen Haare meines Freundes im Gesicht.
»Verdammt«, entfuhr es mir. Max hatte den Helm auf der Kühlerhaube vergessen.

Nach gut zehn Minuten waren wir in Heiligenbeuern bei der Holzliege vom Unterbauern. Der ältere, alleinstehende Landwirt erhielt von Max jeden Monat einen Kasten Bier als Miete für den Stellplatz. Und einen halben Kasten extra bekam er dafür, dass niemand von seinem Motorrad erfuhr. Denn die Schüler des Internats Heiligenbeuern durften weder Motorräder noch Autos haben. Dieses Verbot wurde streng überwacht, und es waren schon Zöglinge wegen geringerer Vergehen von der Schule verwiesen worden.

Als Max den Zündschlüssel abzog, begann er zu schimpfen: »Jetzt hab ich Depp den Helm vergessen.« Er schlug sich mit der Hand vors Hirn.
»Sollen wir zurückfahren?«, fragte ich, obwohl ich wusste, dass es keine besonders gute Idee war.

»Bist du narrisch?« Er schüttelte mehrmals den Kopf. »Dort ist sicher schon die Polizei, und wir müssten dann als Zeugen aussagen. Zum Schluss kriegt der Pater Zeno mit, dass wir mitten in der Nacht an der Unfallstelle waren.« Max kratzte sich mit der Rechten an seinem bartlosen Kinn. »Wenn unser Präfekt von dem Ausflug erfährt, dann interessiert es ihn nicht, dass du der größte Pink-Floyd-Fan weltweit bist und die Burschen gestern Abend in der Olympiahalle aufgetreten sind. Es interessiert ihn auch nicht, dass ich dich hin gefahren hab, damit du dir das blöde Gedudel anhören kannst. Die Kutten schmeißen uns raus. Auch zwei Wochen vor dem Abitur.«

Er hatte Recht.

»Und du bist dir sicher, dass der Mann tot war?«, fragte ich voller Zweifel.

»Meinst, ich spinn?«, gab Max zurück. »Ich hab genau gespürt, dass das Herz nimmer geschlagen hat.«

»Dann hätten wir nicht abhauen dürfen, sondern …«

»Es ist ja ein Auto gekommen und hat gebremst. Der Fahrer hat sich sicher um die Sache gekümmert.«

»Und warum hat er gleich die Scheinwerfer gelöscht, als er an der Unfallstelle war?«

»Was weiß ich.« Max passte meine Frage nicht. »Ist ja auch egal. Jedenfalls können wir den Helm heut Nacht nicht mehr holen. Blöderweise steht auch noch mein Name und die Adresse drin.«

Es war ein sündteurer, roter Integralhelm, den er von seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Mit einem unguten Gefühl im Bauch gingen wir los Richtung Internat. Am Kloster angekommen erwartete uns der aufregendste Teil eines jeden nächtlichen Ausflugs. Denn beim Einsteigen bestand die Gefahr, von einem der Präfekten erwischt zu werden. Und wenn man erwischt wurde, konnte man sich am nächsten Tag eine andere Schule suchen. Wir knobelten, wer zuerst einsteigen sollte. Der Erste hatte das wesentlich größere Risiko. Ich verlor wie immer.

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Die Gezeichneten

 »Möglicherweise hast du das Geld in deinem Rollstuhl versteckt.« Max ließ Elli nicht aus den Augen. »Genauso wie das Marihuana vom Horst. Die Polizei hat bei ihrer Razzia zwar die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt, aber im Rollstuhl hat sicher niemand nachgeschaut. Das würde sich kein Polizist trauen.«

Mit verschlossenem Gesicht saß Elli da und starrte auf die Tischplatte. »Gut, das Marihuana war im Rollstuhl, das gebe ich zu. Wenn Kundschaft kam, hat Horst genommen, was er brauchte. Auf dem Rest war ich gesessen wie die Henne auf den Eiern. Ich selbst habe das Zeug nicht angefasst. Es macht nämlich blöd, wie du sicher weißt.«

»Warum hast du das getan?«, fragte Max.

Er hatte sein Bier noch nicht angerührt.

»Es war spannend. Außerdem mochte ich den Horst und der brauchte immer Geld.«

»Er hat gut ausgesehen, stimmt´s?«

»Nein.« Elli wedelte mit dem rechten Zeigefinger. »Er hat nicht bloß gut ausgesehen, sondern er war der hübscheste Kerl von ganz München.« Sie sah Max an wie ein kleines, hässliches Entlein. »Und er sagte mir gleich zu Anfang, dass er alles dafür tun würde, wenn er für mich arbeiten dürfe und mein Vater ihn vor Gericht vertritt. – Ohne Honorar, versteht sich. Denn das hätte sich Horst nie leisten können.«

»Er wollte alles für dich tun?«, fragte Max und beugte sich vor.

»Alles!«, bestätigte Elli und zündete sich die x-te Zigarette an diesem Abend an.

Nach ein paar Zügen begann sie: »Wisst ihr, wie man sich fühlt, wenn einem plötzlich die Beine nicht mehr gehorchen, mit denen man früher so viel Spaß hatte. Auf dem Sportplatz oder beim Tanzen. Könnt ihr euch vorstellen, wie man sich fühlt, wenn einen die Leute ständig verständnisvoll anlächeln und plötzlich alle nett zu dir sind. – Nett!«

Sie spie das Wort förmlich aus.

»Überall wirst du mit Rücksicht überschüttet, die dich aggressiv macht. Die Leute tuscheln und reden von dir als dem armen Mädchen, das jetzt keinen Mann mehr abkriegt.« Ihre Augen wurden böse. »Aber sie können es sich in den Arsch stecken, ihr Mitleid. Ich brauche es nicht!« Sie atmete tief ein und wieder aus. »Wirklich schlimm ist, dass dir kein Kerl mehr auf den Hintern schaut, wenn du an ihm vorbei gehst. Denn du kannst ja nicht mehr laufen. Stattdessen sitzt du den ganzen Tag in diesem Scheißstuhl und deine Jeans sind leer wie ein alter Sack. Könnt ihr euch vorstellen, wie man sich da fühlt. Du bist knapp zwanzig und hast dein Leben schon hinter dir.« Sie schluckte. »Und plötzlich bekam ich meine Chance: Ich konnte mir jemanden aussuchen. Meine Eltern haben darauf bestanden, dass ein Pfleger ständig bei mir in der Wohnung lebt. Wir hatten viele Bewerber, mein Vater zahlt gut. Ich habe mir die Gestalten der Reihe nach angeschaut. Die meisten waren Sozialärsche mit guten Manieren und noch besseren Referenzen. Darunter einige blasse Typen, die ihre Erfüllung darin sehen, irgendeinem armen Schwein jeden Tag den Hintern abzuwischen und den Katheter zu wechseln. - Ich habe den Horst genommen, obwohl er als Referenz lediglich eine abgebrochene Schreinerlehre und einen kurzen Aufenthalt im Knast hatte. Aber er hat mir gefallen mit seinen langen blonden Haaren und dem melancholischen Zug um den Mund. Ich konnte mir gut vorstellen, dass er im Bett eine echte Kanone ist. - Als wir allein waren, fragte ich ihn, was ich davon hätte, falls ich ihn auswählen sollte.«

Elli schluckte erneut, sah Max und mich abwechselnd an und fuhr fort.

»Er sagte, er würde alles für diesen Job tun. Ich fragte: Alles? Er nickte und schaute mich jetzt an, wie ein Mann eine Frau anschaut. – Zum ersten Mal seit ewiger Zeit hat mich ein Kerl wieder so angesehen. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie gut mir dieser Blick getan hat.

Von dem Augenblick an habe ich mich nicht mehr zweitklassig gefühlt, sondern ich war wieder eine junge Frau, die einem jungen Mann gefiel. Ich konnte es gar nicht erwarten, bis die Wohnung endlich fertig war. Und dann die erste Nacht!«

Elli lächelte und schaute zur Küchentür, als könne Horst jeden Augenblick herein kommen.

»Ich habe ihn nicht geliebt, den Horst. Nein – geliebt habe ich ihn nicht. Aber ich habe es geliebt, wie er mich angefasst hat. Und ich liebte unser Geheimnis: Der schöne blonde Mann und sein Aschenputtel.« Sie lächelte immer weiter. »Es hat mir nichts ausgemacht, dass die schrägsten Vögel zu uns gekommen sind, um Shit zu kaufen. Nur Marihuana, hatten wir ausgemacht. Keine harten Drogen, auch keine Trips. Auf dem Stoff war ich gesessen. Da hat sich keiner der Bullen rangetraut. Die hatten Schiss, am nächsten Tag in der Zeitung zu stehen, weil sie eine junge Rollstuhlfahrerin – noch dazu die Tochter eines Anwalts - unsittlich angefasst haben. Wenige Tage, bevor er umgebracht wurde, erzählte er mir, dass es mit dem Rauschgift bald vorbei sei. Er hätte schon einiges Geld zusammen und würde noch eine große Summe erwarten, dann hätte er genug. Als ich ihn fragte, ob er weiterhin bei mir bleiben würde, küsste er mich und sagte, alles Schöne hätte auch ein Ende. Er wolle mit seiner Schwester nach Indien. Und da könne er mich nicht gut mitnehmen. Er würde dort bleiben, solange das Geld reicht; vielleicht für immer.«

Ellis Stimme war leiser geworden.

»Hast du ihn erschlagen, weil er weg wollte?«, fragte Max und Elli wandte ihm ihr blasses Gesicht zu.

Die blauen Adern an Mundwinkel und Schläfe waren deutlich zu erkennen.

»Nein«, antwortete sie tonlos. »Ich hätte ihm nie etwas antun können. Er hatte seine Macken – okay – und er wollte mich verlassen, wenn man das bei unserem Verhältnis überhaupt so nennen kann. Aber ihn umbringen?«

»Wer war´s dann?«, fragte Max weiter, ohne die Stimme zu heben. »Wahrscheinlich hat der Horst seinen Mörder gekannt. Er hat ihm getraut. Sonst hätte er dem Kerl nicht seinen Rücken zugedreht.«

»Horst traute niemandem, auch mir nicht.«

»Du hast also keine Ahnung, wer es gewesen sein könnte?«, setzte Max nach.

Elli schüttelte den Kopf.

»Und das soll ich dir glauben?« Max stand auf und ging ins Wohnzimmer, um sich auf dem Sofa das Bett zu richten.

Sein Bier hatte er nicht angefasst. Max war wieder auf der Jagd, da brauchte er einen klaren Kopf.

 

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Der Schnitter


Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
Hat Gewalt vom höchsten Gott,
Heut wetzt er das Messer,
Es schneidt schon viel besser,
Bald wird er drein schneiden,
Wir müssens nur leiden,
Hüt dich schöns Blümelein.
 

Der Schnitter saß wie jeden Tag an seinem Stammplatz und schaute durch das Fenster zur Marktstraße hinaus. Er sah mickrig aus – nicht klein oder mager, sondern armselig. Beim Sitzen hielt er das steife Bein zur Seite gestreckt, er machte einen Buckel, und die Schultern hingen nach vorne.

Mancher munkelte, er sei nicht ganz bei Trost.

Mir allerdings kam er vor wie eine Spinne, die am Rand ihres Netzes hockt und auf ein Opfer wartet. Während der letzten Woche waren fast jeden Tag Leute zu ihm gekommen, mit denen er ein, zwei Schnäpse getrunken und eine Weile geredet hatte.

Wenn sich jemand zu ihm setzte, übernahm der Schnitter – wie ein Chamäleon – Haltung und Gebärden des Gesprächspartners. Während sie redeten, schaute er die Leute immer nur für wenige Augenblicke an, als würde er fürchten, ihre Blicke könnten sich treffen. Zum Schluss notierte er etwas in das kleine schwarze Büchlein, das er stets in seiner fadenscheinigen Anzugjacke bei sich trug.

Dr. Weiß, der Notar, war zwei Mal zum Schnitter gekommen. Die beiden hatten sich unterhalten und Katasterpläne durchgesehen.

Der Schnitter sei sein bester Kunde, hieß es.

Meist aber saß der Schnitter alleine an seinem Tisch, las in der Zeitung oder schaute aus dem Fenster auf die Marktstraße. Nur selten wechselte er ein paar Worte mit den Stammtischbrüdern, obwohl er sie alle gut kannte und sich keineswegs für etwas Besseres hielt.

Heute war die Wirtschaft aber rappelvoll, und er hatte gezwungenermaßen Gesellschaft an seinem Tisch. Der Schnitter war jeden Tag beim Bräu. Wenn also jemand etwas Interessantes mit bekommen hatte, dann er.

Die große Aufmerksamkeit gefiel ihm jedoch gar nicht. Misstrauisch dreinschauend gab er unwillig Auskunft. Die Schnäpse, die ihm die Neugierigen spendiert hatten, standen in einer Reihe vor ihm auf dem Tisch. Er würdigte sie keines Blickes und nippte nur von Zeit zu Zeit an seinem Bier, das er ganz nahe zu sich herangezogen hatte, als müsse er es beschützen.

»Jetzt sag halt, was gestern Nachmittag beim Bräu los war.«

Die Umsitzenden gaben keine Ruhe, und schließlich begann der Schnitter: »Ich bin auf meinem Platz gesessen wie jeden Tag und hab eine Halbe getrunken. Dazu einen Willi. Um halb drei trink ich meistens einen Willi, weil der gut ist für die Verdauung. Ich habe aus dem Fenster geschaut, wie der Festzug vorbeigezogen ist. Schad, dass die Frau Elli nicht da ist, hab ich mir gedacht. Wenn sie da wär, könnten wir eine Partie Schach spielen.«

Er verzog das Gesicht zu einem schrägen Grinsen. Er konnte lange Zeit in diesem verlorenem Lächeln verharren, eingesperrt in seine eigene Welt, als hätte sich alles, was ihn umgab, in nichts aufgelöst.

»Warst du allein in der Gaststube?«, fragte der Raiffeisenkassier Knoller ungeduldig und schob dem Schnitter einen Kirschgeist hin.

Der Wirtshauslärm hatte nachgelassen. Jeder wollte hören, was der Alte zu sagen hatte.

»Nein«, murmelte der Eigenbrötler.

»Wer war sonst noch da?«

»Die Erica, der Kaspar und ein junger Mann hinten am Ecktisch.«

Jetzt wurde es still in der großen Stube.

»Hast du den Kerl gekannt?«

»Nein.«

»Wie hat er ausgesehen?«

»Wie junge Mannsbilder halt so ausschauen.« Der Schnitter kniff die Augen zusammen. »Dunkle Haare hat er gehabt, und ein Muttermal über dem rechten Auge.«

»Könnt’s sein, dass er es war?«

»Was?«

»Ja, der Mörder halt. Es soll doch jemand erschossen worden sein. Deswegen rennen die vielen Polizisten rum.«

»Aha«, machte der Schnitter und sah auf die Tischplatte.

»Was heißt da aha«, echauffierte sich der Knoller.

»Aha heißt aha«, brummte der Schnitter mit einem tiefen Ton, der besagte, er habe genug erzählt.

»Das kann dich doch nicht so kalt lassen.«

Der Schnitter sah den Knoller abweisend an. »Wenn’s einen Toten gegeben hat, dann will ich mit der Sache nix zu tun haben.« Und nun folgte der Satz, für den ihn jeder in der Stadt kannte: »Als Bauernbuben sind wir in den Krieg geschickt worden, als Mörder sind wir wieder heimgekommen. –Von Toten und vom Umbringen hab ich genug. So, und jetzt lasst’s mir meine Ruhe! – Den Schnaps kann saufen, wer mag. Mir ist der Appetit vergangen.«

Er schlug die Zeitung auf, die neben ihm auf der Eckbank gelegen hatte, und begann mit einem ausdruckslosen, pergamentartigen Gesicht zu lesen.

Die Leute, die ihn neugierig umstanden, murrten. Sie hätten gerne mehr erfahren.

»Ein Soldat ist kein Mörder«, krakeelte plötzlich der junge Feichthuber vom Stammtisch herüber, und zwar so laut, dass alle es hören konnten.

Es wurde wieder leiser, und vielleicht hielt der Feichthuber dies für Zustimmung. Also stand er auf und wiederholte in Richtung Schnitter: »Ein Soldat ist kein Mörder! Ein Soldat tut bloß seine Pflicht!«

Mit einem Mal war es totenstill in der Stube. Man war gespannt, was jetzt passieren würde.

»Halts Maul, wenn’s um Sachen geht, von denen du nix verstehst, du junger Depp«, schimpfte der Schnitter in seine Zeitung hinein.

Er starrte geradeaus, sein Gesicht war angespannt, der krumme Rücken jetzt kerzengerade.

»Dir geb ich gleich einen Deppen.« Der Stuhl vom Feichthuber flog laut scheppernd nach hinten. Er stand hoch aufgerichtet hinter dem Stammtisch, den Kopf nach vorne gestreckt und jederzeit zum Angriff bereit.

Doch Max war sofort zur Stelle. »Ganz ruhig, Martl. Sonst musst gehen. In meinem Wirtshaus gibt’s keine Rauferei.«

»Dann sag dem alten Grattler, dass er nicht so blöd daher reden darf. Er ist nicht der Einzige, der was mit gemacht hat im Krieg. Meinen Vater hat’s zweimal schwer erwischt. Hüftdurchschuss und zwei Finger beim Teufel.«

»Wär gescheiter gewesen, die Russen hätten ihm den Zipfel weggeschossen«, grantelte der Schnitter laut genug, dass es jeder hören konnte. »Dann hätt’ er keinen solchen Trottel wie dich mehr machen können.«

Alles lachte, und die ungute Stimmung war mit einem Mal verflogen.

Die Augen vom Feichthuber aber sprühten Funken, und er wollte seinem Widersacher an den Kragen. Doch Max hatte sich bereits zwischen ihn und den Schnitter gestellt. Er überragte den etwa gleichaltrigen, kräftigen Burschen um einen guten Kopf und war nicht mehr so mager wie früher. Mit dem jungen Bräu legte sich niemand an, der sich keine blutige Nase holen wollte.

»Ich weiß schon«, raunzte der Martl. »Deine Frau spielt jeden Tag Schach mit dem alten Deppen. Außerdem ist er deine beste Kundschaft, weil er sich in deinem Wirtshaus herinnen langsam tot säuft.« Er warf Max einen bösen Blick zu. »Deshalb darf er sagen, was er mag, auch wenn’s eine Beleidigung für einen jeden ist, der im Feld war.«

Er riss den Geldbeutel aus der Gesäßtasche, öffnete ihn mit zittrigen Fingern und warf ein paar Münzen auf den Tisch. Dann verschwand er mit lauten, zornigen Schritten.

An den Vormittagen kamen vor allem Bauern aus den umliegenden Orten zum Bräu. Sie hatten ihre Frauen zum Einkaufen gebracht oder auf den Ämtern etwas zu erledigen. Die meisten aßen ein Paar Stockwürste, für die der Bräu bekannt war, und tranken ein, zwei Halbe Bier dazu. Man kannte sich am Stammtisch und es ergab sich immer eine lebhafte Unterhaltung.

Erica, die Bedienung, war eine ausgesprochen schöne und höfliche Dreißigjährige. Deshalb wurde sie von Vielen Gräfin genannt. Sie behandelte die Gäste mit großer Freundlichkeit und ließ sich jede Form von Scherzen gefallen. Bloß anfassen durfte sie niemand, da war sie empfindlich. Die Gäste hielten sich daran und freuten sich, von einem solch „sauberen Mensch“ bedient zu werden.

Nun muss man wissen, dass es dem Bayern etwas an Verbalcharme gebricht. Ein schönes Mädchen ist nicht „bellissima“ oder eine „cosita rica“, wie sich die Südländer ausdrücken. Sie ist „ned schiach“, was „nicht hässlich“ bedeutet. Oder man nennt sie ein „sauberes Mensch“, was nichts mit der Körperhygiene, vielmehr mit ihrem gefälligen Wuchs zu tun hat.

Der Oberlandler ist der weiblichen Schönheit aber nicht abgeneigt. Die Leute des Landstrichs südlich von München sind oft recht gut aussehend. Man nimmt dies wahr und freut sich daran, denn eine Schöne frisst auch nicht mehr als eine Hässliche, sagen die Leute.

Im 17. Jahrhundert soll der Kurfürst einen Boten ins Oberland geschickt haben, damit der ihm berichte, wie es dort zu gehe. Der Mann kam zurück und erklärte, die Oberlandler seien kräftige, tüchtige und mutige Männer. Leider etwas jähzornig, weshalb es oft Raufhändel gäbe und ein jeder ein scharfes Messer im Gürtel trage. Die Weiberleut in Wolfratshausen, Tölz und Umgebung wären auffallend schön, weshalb sie meist schon Kinder hätten, bevor sie verheiratet wären.

Diese Tradition sollte sich noch lange halten.

 

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